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Vor genau zehn Jahren - im April 1994 - fanden in Südafrika die ersten
freien Wahlen statt, an denen auch die schwarze Bevölkerungsmehrheit
teilnehmen konnte. Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten der
Republik gewählt. Erst vier Jahre zuvor war er nach 26 Jahren aus der Haft
entlassen worden. An jenem Tag war in der Schweiz im Radio immer wieder der
Song «Free Nelson Mandela» zu hören. Musik spielte in der
Anti-Apartheid-Bewegung auch international eine wichtige Rolle. Unvergessen
bleiben die riesigen Benefizkonzerte wie dasjenige 1988 im Londoner
Wembley-Stadion zu Ehren von Mandelas 70. Geburtstag.
In «Amandla! A Revolution in Four-Part Harmony» erzählen MusikerInnen und
AktivistInnen, wie bedeutungsvoll die Musik im Jahrzehnte langen Kampf gegen
die Unterdrückung war. «Amandla!», Sinn gemäß «power to the people», lautete
der Kampfruf gegen die Politik der Apartheid, welche die schwarze
Bevölkerungsmehrheit aus dem gesellschaftlichen, politischen und
wirtschaftlichen Leben des Landes ausschloss. Öffentlich zu singen und Musik
zu machen wurde so zum politischen Akt, den viele mit ihrem Leben bezahlten.
Andere mussten ihre Heimat verlassen, wie die späteren Stars Miriam Makeba,
Hugh Masekela oder Abdullah Ibrahim, die von ihren schmerzvollen Erfahrungen
im Exil berichten. Dank dem Erfolg ihrer Musik konnten sie ihre Kultur
bewahren und einen Beitrag daran leisten, dass das Schicksal ihres Volkes
nicht vergessen ging. Aber auch weniger bekannte Persönlichkeiten kommen zu
Wort: Sophie Mgcina, eine der ersten Jazzsängerinnen Südafrikas, stimmt das
Lied «Madam Please» an, in dem eine schwarze Hausangestellte stellvertretend
für tausende Schicksalsgenossinnen ihre weiße Arbeitgeberin anklagt.
In den 70er- und 80er-Jahren wurden die Liedtexte entsprechend dem
politischen Umfeld radikaler. Musik wurde zu einer von vielen Waffen im
Kampf gegen die Regierung. Dazu gehörte unter anderem der monotone
Toyi-Toyi-Gesang mit Stechschritt-artigen Tanzbewegungen, der während
Grossdemonstrationen eingesetzt wurde und dessen einschüchternde Wirkung
einige weiße Ex-Polizisten im Film schildern.
Neun Jahre lang hat der 1972 geborene US-Regisseur Lee Hirsch an seinem
Dokumentarfilm gearbeitet. Er montierte Interviewszenen mit Zeitzeugen und
Archivaufnahmen zu einer aufwühlenden Geschichtslektion. Der roten Faden
durch diese «Oral History» Südafrikas zieht jedoch die Musik, dank der es
gelingt, das Leid ebenso wie die die Wut der Beteiligten fühlbar zu machen.
Und nicht zuletzt erweist Hirsch denjenigen Stimmen Referenz, denen es nicht
gegönnt war, den Sieg über das Unrechtssystem mitzuerleben. [Text: Daliah
Kohn]
Quelle:
http://www.cineman.ch/movie/2002/AmandlaARevolutionInFourPartHa/review.html
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